Martin Seidemann

Zur Eröffnung der Ausstellung Martin Seidemann, Arbeiten auf Papier im Kunstkabinett der Bunten Stube Ahrenshoop am 6.6.2025

Seit Jahren und Jahrzehnten und genauso heute ist die Bunte Stube Ahrenshoop ein besonderer Ort und die hier gebotene Ausstellungsmöglichkeit wird immer wieder dankbar in Anspruch genommen. Der „Verein ‘Berliner Kabinett e.V.“ setzt dies heute fort. Dieser Verein entstand 1998 aus dem Umkreis von zwei Berliner Galerien - der Galerie im Turm und der Galerie Parterre. Es ist ein kleiner Verein von Künstlern und Kunstwissenschaftlern und Kunstfreunden. Für diesen Kreis von Leuten ist eines der verbindenden Interessen mit dem Ausdrucksmedium der Zeichnung verbunden. Es gab regelmäßige Zeichnungsausstellungen unter dem Titel “Berliner Kabinett” und schließlich wurde ein Preis für Zeichnung begründet, der Egmont Schaefer-Preis.

Der Berliner Maler Martin Seidemann gehört zu diesem Kreis. Er hat sich entschlossen, hier vor allem farbige Arbeiten auf Papier und einige Zeichnungen und Lithographien zu zeigen. Martin Seidemann hat sich wie andere seiner Altersgruppe seit den 1980er Jahren immer mehr einer ungegenständlichen Bildsprache zugewandt. Es sind Bilder einer lyrischen Abstraktion, getragen durch die Sinnlichkeit der Malerei und auch von einem zeichnerischen Denken. Man sieht im Malerischen die Spontanität der Zeichnung und auch deren Entschiedenheit. Das Bildgeschehen wirkt als offene Denkbewegung, die weitgehend spontan gelenkt ist. Die Ausdrucksfindungen haben die Entschiedenheit von Feststellungen, sie behalten aber auch den Charakter der Spontanität und einer quasi atmenden Lebendigkeit, wobei Atmen als eine Art Stoffwechsel eines beweglichen Denkens und bildnerischen Empfindens verstanden werden kann. Das Spontane, Unwillkürliche hat nichts mit Unentschlossenheit oder mit Ratlosigkeit zu tun. Diese Malerei wirkt als Bildgeschehen folgerichtig und notwendig. Im Vordergrund steht das Sinnieren in der Farbe, das Weitertreiben der visuellen oder ästhetischen Qualitäten von Flächenverhältnissen, von Farbenverhältnissen

Die Sprache der Abstraktion strebt hier nicht zum Minimalismus und zu Reduktionen, sondern sie drückt einen dynamischen Arbeitsprozess des Ausgleichs, der strukturellen Offenheit und Festigkeit aus. Es gibt keinen Widerspruch zwischen dem Immateriellen der Farbe und ihrer Verdichtung zu einer manchmal schweren undurchdringlichen Materialität. Das Bewegte, Motorische des Arbeitsprozesses hat für mich etwas von Zeichnung mit dem Resultat der Malerei durch die dichte Materialität. Das Gedankliche als Vorgang ist flüssig und wird zum Bild gefügt, gebaut, gesetzt. Struktur und Farbensubstanz bilden keine starre oder kalte Ausdtrucksweise, sondern sie sind durch Anspannung zum Bild latenter Bezüge und Zusammenhänge entwickelt. Es ist eine Sprache der Farben-Zwischentöne und ihrer Spannungen, bei der deren Strahlung und deren besonderer Charakter überraschend und eindrucksvoll wirkt, für mein Empfinden jedenfalls.

Eine solche Handhabung von Malerei und Zeichnung verstehe ich als eine elementare Bildsprache, in der sich das künstlerische Denken Martin Seidemanns unvermittelt ausdrückt. Sinn und Bedeutung der Bilder beruhen auf der Formarbeit, der Bewegung, der Motorik des zeichnerischen Vorgangs und auf dem Fragmentieren, Collagieren, Kontrastieren der Bildideen, was damit auch nachvollziehbar wird für jemanden, der die entsprechende Aufgeschlossenheit besitzt. Auf Nachvollziehbarkeit kommt es schon auch an, auf eine bestimmte Spannung des bildhaften Ausdrucks, die auf einem Purismus und auf Transparenz beim Gebrauch der Mittel beruht. Aber jede bildnerische Formulierung ist Behauptung und Selbstbehauptung gegen das allgemeine, übliche Denken und Sehen. Sie verstellt sich nicht, um verstanden zu werden. Daher die Verschlossenheit und der lyrische Charakter in der ungegenständlichen Bildsprache, in der Abstraktion. „Der Schlüssel steckt von innen“, so beschrieb der Kunnsthistoriker Klaus Werner einmal das Hermetische der Malerei von Horst Zickelbein - er stellte früher auch in der Bunten Stube aus. Das Wort ist eine oftmals und auch hier zutreffende Charakterisierung. Aber Rätsel oder eine Verrätselung gibt es nicht bei abstrakt arbeitenden Malern wie Seidemann, alles steht offen sichtbar vor Augen. Es geht um Vorgänge persönlicher poetischer Natur, nicht um prosaische Inhalte, nicht um Narrative, wie sie heute wieder Trend sind, was seit Beginn der Kunstmoderne als “literarisch”, erzählerisch und insofern als unkünstlerisch beargwöhnt wurde. Eine rein künstlerische Vitalität ist das Hauptziel bei alledem. Von daher kommt wahrscheinlich die Anziehungskraft, der Sog der Abstraktion, der mit einem lyrischen Tenor verbundenen ungegenständlichen Bildsprache. Es sind Prozesse freier Arbeit, die immer durch das Problem der verbrauchten Form beeinflusst und gesteuert werden. Das Moment der Veränderung und der Zerstörung oder Störung ist notwendig, um Wiederholung, Sterilität, falsche Harmonie zu vermeiden. Die Malerei von Martin Seidemann sehe ich als eine Balance und Spannung zwischen Spontanität, Spiel und Bewusstheit, Erfahrung.

Junge Leute spielen mit allem. Später wird das Spielerische schwerer, denn man hat eine Bürde zu bewegen - die eigene Formenwelt und Gedankenwelt. Das ist es aber wiederum, was als Substanz und Kraft die eigene Existenz ausmacht und was vorgezeigt werden kann in einer solchen Ausstellung. Die Bilder von Martin Seidemann verfügen über eine poetische Qualität, die man nicht oft findet. “Über allem Bemühen ist schließlich Gnade, die man sich nicht selber geben kann.”, so schrieb der einstmals in Ahrenshoop ansässige Bildhauer Gerhard Marcks einmal in einem Brief an einen Künstlerkollegen. Diese kleine Verkaufsausstellung ist, so meine ich, gut geraten und man wünscht ihr ein gutes Publikum.

Dank an Familie Wegscheider

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